Mit der Maß Bier in der Hand

26. März 2011 | von | Kategorie: neiaste Biergärten

Start der Biergarten-Saison

Da ist es endlich wieder: das schöne Wetter. Der Bayer klebt bereits wochenlang am zugefrorenen Fenster und wartet auf die ersten Sonnenstrahlen, die kleine, durchsichtige Löcher in die Eisschicht brennen. Treffen mehr als drei Sonnenstrahlen am Fenster auf, dann ist es soweit: man springt hochmotiviert in die seit Wochen bereitliegende Lederhosn, schleppt die erste Maß Bier nach draußen auf die Terrasse und zelebriert trotz blau-gefrorener Wadln den Beginn der Biergarten-Saison mit dem Erst-Hissen der bayrischen Flagge.
Dass man geschlagene drei Stunden und 27 Minuten benötigt, um den Fahnenmast durch den Schnee in den tiefgefrorenen Boden zu rammen, trübt das Glück übrigens überhaupt nicht. Im Gegenteil: Bewegung macht warm und hält die Griffhand geschmeidig, die nach getaner Arbeit die wohlverdiente Maß Bier umfassen muss.
Dass der kleine, winterschlaf-haltende Igel in Fahnenmastnähe jäh aus seinem Tiefschlaf gerissen wird und zu den ersten Tönen der bayrischen Hymne, die der kleine Schorsch – eine Leihgabe des Trachtenvereins – mit seiner Tuba anstimmt, panikartig die Flucht ergreift, ist dabei ein trauriges, aber leider notwendiges Übel. Nachbars Hund, der auch im Winter draußen schlafen muss, springt ob des jäh einsetzenden Lärms verstört aus seinem Schlafsack und übernimmt mit seinem Gebell unfreiwillig, aber dennoch geplant, die zur Tuba-Musik passenden Bass-Töne.

Ehefrau Resi (denn so heißen ja schließlich ALLE Frauen in Bayern) schiebt derweil die Schweinshaxn in die Röhre, die sie bereits des Morgens (nein, 4 Uhr ist doch KEINE Nacht mehr…) und nach einer Google-Abfrage über die Wetteraussichten vorbereiten musste. Im Dirndl, versteht sich.
Die Kinder Wastl und Sepperl sind bei den ersten Tönen des bayrischen Defiliermarsches aus ihren Träumen gerissen worden und erinnern sich sofort, worauf sie in jahrelanger Familienarbeit konditioniert wurden: ertönt der Defiliermarsch, muss die Biergarten-Tischdecke mit den weiß-blauen Rauten auf den Tisch und Opa aus dem Altersheim abgeholt werden (denn der ist der Einzige, der den alten Hendl-Grill noch bedienen kann). Der Kinderwagen von Klein-Zenzi wird flugs zum Bierfass-Transport-Vehikel umfunktioniert (Kind bleibt in diesem Falle natürlich NICHT im Kinderwagen) und die Familie weiß, was ihr jetzt blüht: denn Biergartenzeit ist Schafkopfn-Zeit.

Und da sitzt er also nun, der Bayer – im einzigen, auf Deutschland durch einen wirklich wolkenbehangenen Himmel herabscheinenden Sonnenstrahl. Mit der Maß Bier in der Hand. Dem Defiliermarsch in den Ohren. Der Fahne im Wind. Der Tischdecke auf dem Tisch. Und Schweinshaxn-Duft in der Nase. Und nein, natürlich stört es ihn dabei nicht, dass er nach jedem Schluck mit den Lippen am Maßkrug festfriert und vor jedem Schluck erst den Eiszapfen weg-pickeln muss, der von seiner Nase herunterhängt… wofür gibt’s denn Wastl und Sepperl schließlich.
Diese stehen schlotternd und frierend in ihren Trachten-Laiberln neben Papa und bearbeiten auf Handzeichen hin mit Meißel und Hammer Papas am Bierkrug festgefrorene Visage. Vorsichtig natürlich…ist ja wohl klar.

Verträumt blickt der Bayer in seinem Garten umher und sieht den Kastanienbaum in seinen Gedanken schon in voller Pracht stehen. Darunter Biertisch und Bierbank. Er stellt sich vor, wie er ein kühles Augustinerbier bestellt und sich die Reste seines Hendls andächtig in die Lederhosn schmiert. Er schmunzelt bei dem Gedanken an schöne Biergarten-Abende, an denen man im Minutentakt miteinander anstößt und den wirklich einzigen Ort auf dieser Welt gefunden hat, an dem der bierlaunige Spezl beim Kartln ungestraft „Du Brunzkache, du ogsoachte“ zu einem sagen darf.
Ach, wie schön ist doch die Biergartenzeit.

Mit freundlicher Genehmigung der Bayrischen Quadratratschn
Tags: , , , , , , , , , ,

Do konnsd Dein Schmarre neischreim