Bayerische Gesten

Gesten werden nicht ausgeführt, um Fliegen zu verjagen, Gesten werden nicht ausgeführt, um Luft zu melken, Gesten werden ausgeführt, um zu kommunizieren. Gesten sind präzise symbolische Körperbewegungen.

Freilich gibt es sehr unterschiedliche Gesten. Der sich vor einem anderen Menschen verbeugende Mensch benutzt eine sogenannte lexikalisierte Geste der Respektsbezeugung bzw. des Dankes. Jeder versteht sie auf Anhieb, egal ob er Tiroler oder Texaner ist.

“Du mich auch!”

Schloß Neuschwanstein

Andere Gesten sind diffuser, komplexer, versteckter und eben deshalb auch “verreckter”. Zu den verrecktesten Gesten gehören zweifellos die bayerischen. Das liegt daran, dass der Bayer zum einen über einen äußerst flexiblen Bewegungsapparat verfügt, gleichzeitig jedoch sehr introvertiert ist, was ihn drittens extrem unberechenbar macht.

Oder anders ausgedrückt: Ob der sich verbeugende Bayer tatsächlich im Begriffe steht, Respekt zu bezeugen, lässt sich meist nur im Einzelfall entscheiden. Gut möglich, dass er in Wirklichkeit gerade sagt: “Du mich auch!” Nur Eingeweihte können an der spezifischen Fußstellung, der Art der Wirbelsäulenkrümmung sowie der Breite des Grinsens beurteilen, was Sache ist.

Zentrale Bedeutung der bayerischen Gestik

Sache ist in jedem Fall: Da der zwischenmenschliche Kommunikationsaustausch weltweit immer häufiger nonverbal stattfindet, kommt der bayerischen Gestik, obgleich und weil uralt, obgleich und weil sehr variabel, zentrale Bedeutung zu. Aus diesem Grund wollen wir hier ein Sakrileg begehen und sie, die bayerische Gebärdensprache, in Wörter transformieren. Dass dieses Unterfangen mehr als zweifelhaft ist, sei allen Beteiligten bewusst.


Der Autor

Thomas Kernert

Thomas Kernert, geboren in München, Studium der Philosophie und Geschichte.

Lebt mit Frau, fünf Kindern und Schreibcomputer in München. Seine umfangreiche Autorentätigkeit für den Bayerischen Rundfunk schützt ihn seit vielen Jahren vor Müßiggang und Drogenmissbrauch.