Bayerische Sportarten

Platteln, bis die Sohlen glühen

Schuhplatteln beim Turnier

Die Ziehharmonika spielt die schmissige Melodie des “Haushamer”. Auf einem am Wirtshausboden aufgemalten Kreis bewegen sich, bestens aufeinander abgestimmt, ein fesch herausgeputztes Dirndl und ein Bursch in Lederhosen im Dreivierteltakt. Während SIE immer nur wie ein Mixer um ihn herum quirlt, dreht ER auf: Oberschenkel- und gleich ein Sohlenschlag, von rechts folgen donnernde Knie- und Kreuzschläge, die rechte Hand haut hinter dem Körper auf den linken Schuh, die Linke dann vorn auf den rechten Schuh, dann stampft der Bursch auf und springt in die Kniebeuge. Klarer Fall – hier wird gerade aufs Heftigste preisgeplattelt!

Bauernballett mit langer Geschichte

Früher einmal, vor etwa 200 Jahren, war der Schuhplattler noch ein frei improvisierter, spontaner Paartanz. Er hat sich aus dem so genannten “Paschen” entwickelt, dem spontanen Klatschen auf Oberschenkel, Fußsohlen oder einfach in die Hände. So, wie es die Burschen beim Tanzen eben überkommt. Daran merkt man: Es handelt sich eigentlich um einen archaischen Werbetanz.

Zitat

Stefan Frühbeis von Bayern 2

Burschengruppe in Tracht beim Preisplatteln

“Sie umschleichen ekstatisch das Objekt ihrer Begierde, drehen sich um sich selbst, klatschen rhythmisch auf Schenkel und Fußsohlen und stoßen mitunter kehlige Brunftlaute aus, die sie Juchzer nennen.”

Volkskundler vermuten, dass die Tänzer sich dabei das Balzspiel des Auerhahnes zum Vorbild nahmen. Mittlerweile haben die oberbayerischen Trachtenvereine das Platteln aber zu einem ziemlich reglementierten Sport gemacht – ohne eine sorgsam ausgetüftelte Choreographie geht heute nix mehr. Vor allem der Mann braucht dafür eine Extraportion Kondition zusätzlich zur nötigen Koordination.

Strenges Preisgericht im Turnierbetrieb

Streng dreinblickende Preisrichter in TrachtBildunterschrift: Rutschende Socken, fallende Hüte: Den strengen Richtern entgeht nichts.

Während Anfänger mit dem “Häuslratz” locker starten können, geht es bei den Schritten für Fortgeschrittene schon halb-akrobatisch zu: Doppelsprünge und Rückwärtsschläge müssen geübt sein. Außerdem bringt viele Plattler im Wettkampf schon allein das Preisgericht ins Schwitzen. Man glaubt gar nicht, wofür es alles Punktabzug gibt: Wenn Hosenträger oder Strümpfe rutschen, wenn der Bursch zu lange Haare oder gar einen Ohrring trägt, wenn man bei der Live-Musik mitsingt oder wenn der Hut herunterfällt. Dummerweise aber auch, wenn der Plattler einen faulen Aufsprung oder zu leise Schläge zeigt, um fliegende Hüte eben genau zu vermeiden. Der Supergau: Wenn man beim Tanzen auch nur einen Schritt aus dem Tanzkreis kommt. Gar nicht so einfach, das fachgerechte Schuhplatteln!

Riesen-Boom beim Nachwuchs

Musik zum Mittanzen

Der bayerische Trachtenverband e.V. hat zwei CDs gepresst, damit eifrige Plattler auch ohne “Live-Musi” üben können. Hörprobe gefällig? Einfach reinklicken!

Trotzdem lässt sich der Nachwuchs nicht abschrecken: Ausgerechnet Teenager entdecken den sportlichen Brauchtumstanz für sich. Einige Zehn- bis Dreizehnjährige melden sich angeblich sogar selbstständig im Trachtenverein an. Vielleicht ist Platteln heute tatsächlich wieder cool. Vielleicht hängt es aber auch mit der pubertären Sprachlosigkeit gegenüber dem anderen Geschlecht zusammen: Schließlich haben sich verliebte, aber sprachgehemmte Bergbauern schon vor Jahrhunderten aufs Schuhplatteln verlegt, um ihre Auserwählte nonverbal zu beeindrucken …

Gleiches Recht für Alle – Plattler mit Exotenbonus

Die Schwuhplattler

Gruppenfoto ohne Damen: Auf ihrer Homepage zeigen sich die homosexuellen Plattler im Münchner Hofgarten.

Schon das Dirndlplatteln, also das Platteln durch reine Frauengruppen, stößt bei konservativen Trachtlern nicht immer auf Begeisterung. Was diese Traditionalisten wohl zu den mittlerweile 50 Schwuhplattlern aus München sagen? Die nach eigenen Angaben “erste und einzige schwule Schuhplattlergruppe der Welt” verzichtet nämlich ganz auf die Dirndl: Hier tanzen alle in Lederhosen. Um Verwechslungen zu vermeiden, trägt der weibliche Part halt keinen Hut. So führen die Schwuhplattler seit 1999 auch jedes Jahr die Christopher Street Parade in München an. “Wir sehen das als große Ehre”, sagt Vereinschef Sepp Stückl.